Manche deiner besten Geschichten handeln nicht von einer Aufgabe, die du ordentlich erledigt hast, sondern von etwas, das beinahe schiefgegangen wäre. Ein Projekt, bei dem das halbe Team nicht mitziehen wollte. Ein Budget, das mittendrin gekürzt wurde. Eine Deadline, die plötzlich vorgezogen wurde. Gerade in solchen Geschichten zeigt sich, was jemand kann, weil etwas im Weg stand. Die SOAR-Methode ist dafür gemacht, solche Geschichten klar zu erzählen.
Du kennst die STAR-Methode schon? Die haben wir ausführlich in Die STAR-Methode: Bewerbungsfragen beantworten behandelt. In diesem Artikel gehen wir nicht noch einmal auf STAR ein, sondern zeigen, was SOAR anders macht, wann du welche Methode wählst und wie du eine SOAR-Geschichte Schritt für Schritt aufbaust - mit zwei ausgearbeiteten Beispielen und der Übertragung in deinen Lebenslauf.
Was ist die SOAR-Methode?
SOAR steht für vier Bausteine, die zusammen eine Erfolgsgeschichte ergeben:
- Situation - Der Kontext in ein, zwei Sätzen: Wo hast du gearbeitet, was war los?
- Obstacle (Hindernis) - Was stand dem Erfolg im Weg? Zeitmangel, wenig Geld, Widerstand, fehlendes Wissen, gegensätzliche Interessen.
- Aktion - Was hast du getan, um dieses Hindernis zu überwinden, und warum hast du dich für diesen Weg entschieden?
- Resultat - Was hat es gebracht, und was hast du daraus gelernt?
Der Unterschied steckt im O. Wo viele Geschichten bei "Ich sollte X erledigen und habe das getan" stehen bleiben, zwingt dich das Hindernis, die Spannung zu benennen. Dadurch wird sofort klar, warum deine Aktion wichtig war.
SOAR oder STAR: Wann nimmst du was?
Beide Methoden helfen dir, konkret zu erzählen, statt vage zu bleiben. Der Unterschied liegt im Schwerpunkt. Bei STAR dreht sich alles um die Aufgabe: Was wurde von dir erwartet und wie bist du vorgegangen? Bei SOAR dreht sich alles um das Hindernis: Was hat es schwierig gemacht und wie bist du darüber hinweggekommen?
Eine einfache Faustregel: Kannst du in einem Satz sagen, was im Weg stand? Dann ist SOAR wahrscheinlich die stärkste Form. Geht es in deiner Geschichte vor allem darum, wie du eine Verantwortung gut ausgefüllt hast, passt STAR besser.
- SOAR eignet sich gut für Fragen wie "Was war Ihre größte Herausforderung?", "Erzählen Sie von einem Rückschlag" oder "Worauf sind Sie besonders stolz?" und für schriftliche Erfolge in deinem Lebenslauf oder auf LinkedIn.
- STAR eignet sich gut für Fragen zu deiner Rolle und Arbeitsweise, etwa "Wie gehen Sie mit mehreren Prioritäten gleichzeitig um?" oder "Geben Sie ein Beispiel für Ihre Zusammenarbeit im Team."
Es ist kein Entweder-oder. Oft kannst du dieselbe Geschichte auf beide Arten erzählen; du wählst einfach die Form, die am besten zur Frage passt.
Eine SOAR-Geschichte in fünf Schritten aufbauen
- Beginne mit dem Resultat. Wähle einen Erfolg, auf den du stolz bist und den du belegen kannst. Arbeite dich von dort aus rückwärts; so weißt du von Anfang an, wohin deine Geschichte führt.
- Benenne das Hindernis so genau wie möglich. "Es war schwierig" sagt nichts. "Das halbe Team wollte zurück zum alten System" oder "Das Budget wurde zwei Monate vor dem Termin gekürzt" macht die Geschichte sofort greifbar.
- Halte die Situation kurz. Erzähl nur, was nötig ist, um das Hindernis zu verstehen. Ein, zwei Sätze reichen.
- Verknüpfe jede Aktion mit dem Hindernis. Zeig, welche Entscheidungen du getroffen hast und warum: "Weil es beim Widerstand vor allem um Tempo ging, habe ich zuerst ..." So hört der Interviewer nicht nur, was du getan hast, sondern auch, wie du denkst.
- Mach das Resultat konkret und ehrlich. Nenne Zahlen, wenn du sie wirklich kennst. Wenn nicht, beschreib ein beobachtbares Ergebnis: Das Projekt ging live, die Beschwerde kam nicht mehr, andere Teams übernahmen die Arbeitsweise. Schließ mit dem ab, was du gelernt hast.
Beispiel 1: Widerstand gegen ein neues System
Angenommen, du bist Teamleiter im Kundenservice und bekommst die Frage "Erzählen Sie von einer Veränderung, die nicht von selbst lief."
Situation: "Ich habe ein Kundenservice-Team geleitet, das auf ein neues Ticketsystem umgestiegen ist."
Hindernis: "In den ersten Wochen wuchs der Rückstand an offenen Tickets schnell, und ein Teil des Teams wollte zurück zum alten System, weil sich das neue langsamer und umständlicher anfühlte."
Aktion: "Ich habe mich zuerst mit den Kolleginnen und Kollegen zusammengesetzt, die die meisten Bedenken hatten, um zu hören, wo es genau hakte. Es ging vor allem um ein paar häufige Arbeitsschritte, die viele zusätzliche Klicks kosteten. Gemeinsam mit dem Anbieter habe ich dafür Vorlagen einrichten lassen. Zwei Kollegen, die das System schnell verstanden hatten, habe ich gebeten, Ansprechpartner für die anderen zu sein, und ein paar Wochen lang habe ich jeden Morgen eine kurze Besprechung angesetzt, um den Rückstand gemeinsam zu verteilen."
Resultat: "Nach etwa einem Monat war der Rückstand abgearbeitet, und über eine Rückkehr zum alten System sprach niemand mehr. Was ich gelernt habe: Widerstand dreht sich oft um etwas sehr Konkretes, und das findest du nur heraus, wenn du nachfragst."
Beispiel 2: Ein Event nach einer Budgetkürzung
Angenommen, du bist Eventkoordinator und die Frage lautet "Worauf sind Sie in Ihrem Job am meisten stolz?"
Situation: "Ich habe den jährlichen Kundentag unseres Unternehmens organisiert."
Hindernis: "Zwei Monate vor dem Termin wurde das Budget deutlich gekürzt, obwohl die Einladungen schon verschickt waren. Eine Absage oder Verschiebung wäre bei den Kunden schlecht angekommen."
Aktion: "Ich habe das Programm auf die Teile reduziert, wegen derer die Gäste laut der Auswertung des Vorjahres vor allem gekommen waren. Mit der Location habe ich neu verhandelt - über einen kleineren Saal und ein einfacheres Catering. Zwei langjährige Lieferanten waren bereit, einen Teil der Kosten zu übernehmen, wenn sie dafür einen eigenen Stand bekamen, und die gedruckten Unterlagen habe ich durch ein digitales Programmheft ersetzt."
Resultat: "Der Kundentag fand am geplanten Termin und innerhalb des neuen Budgets statt, und in der Auswertung waren die Gäste mindestens so zufrieden wie im Jahr davor. Seitdem beginne ich jede Budgetplanung mit einer Liste dessen, was unbedingt sein muss, und dessen, was schön wäre."
Wichtig: Diese beiden Beispiele sind zur Veranschaulichung erfunden. Verwende in deiner eigenen Geschichte nur Fakten und Zahlen, die du belegen kannst, denn beim Nachhaken muss alles stimmen.
SOAR im Lebenslauf: von der Geschichte zum Stichpunkt
Eine SOAR-Geschichte lässt sich gut in einer einzigen starken Zeile im Lebenslauf zusammenfassen. Die Formel: was du erreicht hast + das Hindernis + wie du es angegangen bist + das Resultat. Aus den beiden Beispielen oben wird:
- "Umstieg auf ein neues Ticketsystem trotz Widerstand im Team begleitet; Schwachstellen erfasst, Arbeitsabläufe angepasst und interne Ansprechpartner benannt, sodass der Rückstand innerhalb eines Monats abgebaut war."
- "Jährlichen Kundentag nach deutlicher Budgetkürzung kurz vor dem Termin umgesetzt, durch Neupriorisierung des Programms, Nachverhandlung mit der Location und Kostenbeteiligung von Partnern; Durchführung am geplanten Termin und im Budget."
Nicht jeder Stichpunkt braucht ein Hindernis. Heb dir diese Form für deine zwei oder drei stärksten Erfolge auf, sonst liest sich dein Lebenslauf schwerfällig. Bau dabei die Begriffe aus der Stellenanzeige ein; wie das geht, liest du in unserem Artikel ATS-optimierten Lebenslauf erstellen. Dieselben Zeilen kannst du auch im Bereich "Berufserfahrung" deines LinkedIn-Profils verwenden.
SOAR im Vorstellungsgespräch
Im Gespräch hast du mehr Raum als auf Papier, aber auch hier gilt: Halte es kompakt. Eine SOAR-Antwort von etwa zwei Minuten reicht meistens; wenn der Interviewer mehr wissen will, fragt er nach. Ein paar Tipps:
- Nenne das Hindernis früh. Es ist der Aufhänger deiner Geschichte. Je schneller dein Gegenüber weiß, was auf dem Spiel stand, desto besser kann es deine Aktionen einordnen.
- Mach aus dem Hindernis keine Beschwerde. Beschreib Widerstand oder Gegenwind sachlich und fair. "Meine Kollegen hatten gute Gründe, skeptisch zu sein" klingt stärker als "Keiner wollte mitmachen".
- Bereite eine Handvoll Geschichten vor. Wähle neben deinen STAR-Geschichten ein paar mit einem klaren Hindernis aus, damit du für Fragen nach Herausforderungen und Rückschlägen sofort Material hast. Welche Fragen dich erwarten, liest du in Die 15 häufigsten Vorstellungsgespräch-Fragen.
Willst du deine Geschichten schneller zu Papier bringen? Mit dem SOAR-Geschichten-Tool von MARA verwandelst du eine Erfahrung in eine strukturierte SOAR-Geschichte, die du anschließend selbst feinschleifst. Im Interview-Simulator von MARA übst du danach laut, wie sie klingt.
Fazit
Die SOAR-Methode ersetzt STAR nicht, sondern ergänzt sie. Nutze SOAR, wenn die Stärke deiner Geschichte in dem liegt, was im Weg stand: Benenne das Hindernis genau, verknüpfe deine Aktionen damit und schließ mit einem ehrlichen Resultat ab. So zeigst du nicht nur, was du getan hast, sondern auch, wie du handelst, wenn es schwierig wird. Und genau das wollen Arbeitgeber wissen.